Happy fucking Birthday to me

Am Wochenende hatte ich Geburtstag. Das ist überraschend, weil ich nie erwartet hatte, so alt zu werden. Mein ganzes Leben lang gab es kein denkbares Szenario, in dem ich jemals das 27. Lebensjahr erreichen würde. Ist das traurig? Bemitleidenswert? Keine Ahnung. Ich kenne es ja nicht anders. Ich habe nie weit vorausgedacht, oder mir Gedanken über meine Zukunft gemacht, weil ich mir sicher war, sie nicht zu erleben. Depressionen haben die Eigenschaft, uns jegliche Hoffnung auf eine Zukunft (ich sage nicht einmal eine „bessere“) zu rauben. Suizid war jahrlang mein treuer Begleiter. Der Gedanke „Wenn’s schlimmer wird, kannst du dich immer noch umbringen“ hat mir durch die Schulzeit und durchs Studium geholfen. Ich bin immer nur einen Tag nach dem anderen angegangen. Planen lag mir fern, denn wer weiß, ob ich noch lange da bin? Und jetzt bin ich plötzlich 27. Und noch da. Sachen gibt’s.

Es gab keinen einzelnen, isolierten Moment, in dem mich die Todessehnsucht verlassen hat. Es war vielmehr ein schleichender Prozess über Jahre, der ewigen Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Das hat zur Folge, dass ich noch immer nicht so recht mit dem neuen Gefühl umzugehen weiß. Ich kann keinen zweiten Geburtstag feiern, wie viele Überlebende tödlicher Krankheiten das tun. Und das sind Depressionen nun mal. Jedes Jahr nehmen sich rund 10.000 Menschen allein in Deutschland das Leben. Etwa 90% der Suizide gehen auf psychische Erkrankungen zurück. Dennoch fühlt es sich seltsam an, von mir als „Überlebende“ zu sprechen, als hätte ich einen Mordanschlag überlebt. Andererseits… Der Vergleich passt schon ganz gut. Die Depression lügt dich an, redet dir Selbstzweifel und -Hass ein, bis du keinen anderen Ausweg mehr siehst, als dich umzubringen. Trotzdem habe ich es nicht getan, bzw. nicht geschafft. Ich bin noch da. Mit Depressionen zwar, aber in deutlich besserer Verfassung. Dank viel Arbeit, Reden und Schreiben.

Ich nehme zwar immer noch Antidepressiva, allerdings dosiere ich sie aktuell runter, und ich bin auch immer noch in Therapie, aber wir sind bereits bei einer Sitzung monatlich angelangt und haben den Großteil schon geschafft. Und irgendwann nächsten Sommer gelte ich dann vielleicht tatsächlich als austherapiert. Nach all den Jahren, all den Kämpfen und all der Zeit, die ich dem Tod näher war als dem Leben. Schon komisch. Die alte Raja, die pessimistische, ängstliche und dystopische Raja, schimmert immer mal wieder ein wenig durch, aber im Großen und Ganzen bin ich heute, neun Jahre nach meiner traumatischen Schulzeit und knapp vier Jahre nach der Trennung von meinem gewaltbereiten Ex, ein neuer Mensch – mir scheiß egal wie schnulzig und pathetisch das klingt, es stimmt. Ich bin reifer, ruhiger, optimistischer und tausendmal stärker.

Das Bild ist übrigens bei meinem Abiball entstanden, zu dem ich nicht hingehen wollte. Dort tanze ich mit meinem Vater. Das heißt, er tanzt, ich stolpere umbeholfen herum. Damals war ich heilfroh, dass die Schule endlich vorbei war und ich all diese Menschen nie wiedersehen musste. Vorfreude auf einen Neustart in einer anderen Stadt, auf’s Studtentenleben und Co. gab’s allerdings nicht. Dafür hatte ich viel zu viel Angst und war viel zu überzeugt davon, dass eh alles nach hinten losgehen und ich mich vom nächstbesten Hochhaus stürzen würde. Und jetzt sitze ich hier und schreibe diese Zeilen über eine längst verblasste Raja.

Lange Jahre war meine bloße Existenz eine Belastung. Ich habe mich durch die Stunden, Tage und Wochen gequält, immer mit dem gleichen Gedanken am Abend: „Wieder einen Tag geschafft“. Ich wollte immer nur, dass alles vorbei wäre. Wenn es Tag war, wollte ich Nacht, und umgekehrt. Wenn ich zu Hause war, wollte ich weg und wenn ich weg war, wollte ich nach Hause. Ich war niemals irgendwo tatsächlich da oder angekommen. Ich war immer auf der Flucht. Das war kein Leben, das war Überleben. Tagein, tagaus begleitete mich eine ausgewachsene Anhedonie – die Eigenschaft, einfach keine Freude mehr an irgendetwas finden zu können. Ich lebte passiv vor mich hin und ließ das sogenannte Leben einfach passieren, bis das letzte Zünglein an der Waage mich endgültig in den Selbstmord treiben würde. Aber das passierte nicht. Ich weiß bis heute nicht, wie genau ich es nun aus diesem Strudel geschafft habe, der über ein Jahrzehnt mein Alltag war. Am Ende war es eine Mischung aus Tabletten, Therapie, Freunden und Familie, denke ich. Und jeder Menge Veränderungswillen. Denn ohne eigene Motivation gibt es keine Heilung.

Heute kommt mir mein damaliges Leben in der Retrospektive fast surreal vor. Ich weiß ehrlich nicht, woher ich die Kraft genommen habe, die oftmals wirklich schrecklichen Tage, Wochen und Monate in diesen depressiven Sümpfen zu überstehen. Die Tagebuch- und Blogeinträge aus dieser Zeit haben meine damaligen Gefühlsregungen konserviert und sind stumme Zeugen, dass es mindestens so schlimm war, wie ich es darin geschildert habe. Unglaublich, was der Mensch alles ertragen kann.

Natürlich haben mich diese Jahre geprägt, und sie werden mich immer irgendwie begleiten. Ich werde die Schmauchspuren der Depression immer tragen. Aber heute bin ich eine Andere. Wo ich mich damals ständig an einen anderen Ort, in eine andere Zeit, in ein anderes Universum gewünscht habe, kann ich es heute gut in der Gegenwart aushalten. Anstatt sämtliche Aktivitäten aus Selbsthass und Angst zu vermeiden, freue ich mich auf Events, Konzerte, Feiern und Urlaube. Und viel wichtiger: Ich kann diese Aktivitäten genießen. Ich kann Freude empfinden. Heute lebe ich gerne. Zum ersten Mal in meinem Leben. Und ich freue mich, dass ich tatsächlich trotz aller Widrigkeiten noch da bin.

Matt Heigh schrieb in seinem Buch Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben: „Eines Tages wirst du Glück erleben, das genauso groß ist wie der Schmerz jetzt. Du wirst euphorische Tränen vergießen, […] du wirst große Freundschaften knüpfen, du wirst köstliche Gerichte essen, die du noch nicht kennst, du wirst den Blick von einem Aussichtspunkt genießen können, ohne darüber nachzudenken, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass du stirbst, wenn du dich hinunterstürzt. Auf dich warten ungelesene Bücher, die dich bereichern, Filme mit einem extragroßen Eimer Popcorn auf dem Schoß, du wirst tanzen und lachen und Sex haben und am Fluss laufen gehen und nächtliche Gespräche führen und lachen, bis es wehtut. Das Leben wartet auf dich. Im Moment steckst du hier fest, aber die Welt wartet auf dich. Halte durch, wenn du irgend kannst. Das Leben ist es immer wert.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich bin froh, dass ich mein Leben nicht beendet habe, so oft ich es auch wollte. Denn das Leben meint es zum ersten Mal gut mit mir – und ich bin hier, um es zu sehen.

Und wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du dich kaum erinnern, wie du ihn durchquert, ihn überlebt hast. Du wirst nicht einmal sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Wenn du aus dem Sandsturm kommst, bist du nicht mehr derselbe Mensch, der in ihn hineingeraten ist. Darin liegt der Sinn des Sturms.

Haruki Murakami, Kafka am Strand

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Webseite erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: